„Deutschland und Spanien sind wichtige Wirtschaftspartner“

Oliver Wieck,
Generalsekretär von ICC Germany
JORDI SELLARÉS SERRA,
GENERALSEKRETÄR VON ICC SPAIN
Ende März wurde erstmals eine dreisprachige Version der Incoterms® 2020 in Englisch, Spanisch und Deutsch herausgegeben. Auf Initiative der nationalen Komitees aus Deutschland und Spanien wurde dieses Projekt gemeinsam mit der ICC in Paris umgesetzt. Gerade in der gegenwärtigen Pandemie erleichtert es die elektronische Version der Incoterms® 2020 den Mitarbeitern vieler Unternehmen, von zu Hause aus zu arbeiten. Oliver Wieck, Generalsekretär von ICC Germany, und Jordi Sellarés Serra, Generalsekretär von ICC Spain, über das dreisprachige E-Book:
Warum ein dreisprachiges E-Book, wenn sich doch Englisch als internationale Vertragssprache etabliert hat?

Oliver Wieck: Tatsächlich werden die meisten internationalen Verträge in englischer Sprache verfasst. Wir stellen allerdings auch fest, dass sich die Vertragspartner bei der Vorbereitung von Verhandlungen zunächst gern am muttersprachlichen Text orientieren. Als Jordi und ich über das Projekt sprachen, fanden wir beide die Idee einer dreisprachigen Ausgabe reizvoll. Deutschland ist die drittgrößte Exportnation und Spanisch die am vierthäufigsten gesprochene Sprache der Welt. Wir gingen deshalb davon aus, dass der Bedarf an einer dreisprachigen Version der Incoterms® 2020 sehr groß ist.

Jordi Sellarés Serra: Es ist immer besser, auf jegliche Inhalte in der eigenen Sprache zuzugreifen, selbst wenn man andere Sprachen beherrscht. Davon abgesehen sind Kenntnisse im Englischen viel weniger verbreitet, als man annehmen würde. Deshalb ist dieses drei-sprachige E-Book die beste Option, da es den Austausch zwischen spanisch- und deutschsprachigen Unternehmen erleichtert. Jede Partei hat auf diese Weise die Incoterms in der eigenen Sprache und auf Englisch als Referenztext vor sich.

Welche Rolle spielen die Incoterms® 2020 und damit auch das E-Book in den deutsch-spanischen Wirtschaftsbeziehungen?

Oliver Wieck: Deutschland und Spanien sind wichtige Handelspartner. Deutschland ist Spaniens wichtigster Beschaffungsmarkt und zweitwichtigster Abnehmer spanischer Produkte. Umgekehrt ist Spanien für Deutschland ein wichtiger Investitions- und Produktionsstandort. Darüber hinaus werden die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Unternehmen aus Deutschland und Spanien sowie Unternehmen aus Lateinamerika durch den geplanten Abschluss des Freihandelsabkommens von EU und Mercosur künftig deutlich an Fahrt gewinnen.

Jordi Sellarés Serra: Die Incoterms spielen heute im Welthandel eine Schlüsselrolle – und das taten sie schon vor 100 Jahren. Auf ihrem ersten internationalen Kongress im Jahr 1921 in London setzte die ICC eine Arbeitsgruppe für Handelsbedingungen ein, deren Arbeit 1936 in der Veröffentlichung der ersten Version der Incoterms mündete. Dieses Regelwerk erschien seinerzeit in einer dreisprachigen Version – auf Englisch, Französisch und Deutsch. Insofern kann das jetzige dreisprachige E-Book auch als Hommage an die damalige Erstausgabe betrachtet werden.

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten ist umstritten. Wie stehen Sie zu dem Entschluss?

Oliver Wieck: Die Internationale Handelskammer unterstützt den weltweiten Abbau von Handelsschranken nach einheitlichen Regeln, die ein integratives und verantwortungsvolles Wirtschaften fördern und dabei globale Herausforderungen wie den Klimawandel und die nachhaltige Gestaltung internationaler Lieferketten berücksichtigen. In diesem Sinne begrüßen wir die Liberalisierung des Handels zwischen den zwei großen Handelsregionen EU und Mercosur.

Jordi Sellarés Serra: Der Welthandel wird am besten multilateral reguliert, wobei weder zwischen in- und ausländischen Produkten noch zwischen in- und ausländischen Lieferanten oder Kunden unterschieden wird. Das Ziel der Welthandelsorganisation (WTO) ist es, ein globales Abkommen zur Liberalisierung des Handels zu schaffen. Jedoch kommen wir durch die zunehmende Anzahl an Verhandlungsparteien und -themen nur langsam voran. Daher sehen wir das Abkommen zwischen EU und Mercosur als einen Schritt in die richtige Richtung, indem es die Handelshemmnisse in einem guten Teil des Welthandels beseitigt.

Die derzeitige Coronapandemie zeigt deutlich, wie anfällig internationale Lieferketten und die internationale Arbeitsteilung geworden sind. Stehen wir möglicherweise vor einer Rückabwicklung der globalen wirtschaftlichen Vernetzung?

Oliver Wieck: Das glaube ich nicht. Das Coronavirus ist ein globales Problem, und daher brauchen wir – wie bei anderen globalen Herausforderungen – auch globale Lösungen. Allerdings sind die Unternehmen jetzt gefordert, ihre Lieferketten und die internationale Arbeitsteilung so zu strukturieren, dass sie künftig auch besser auf die Folgen derartiger Krisen vorbereitet sein werden. Im Einzelfall kann das sicherlich bedeuten, dass ein Unternehmen die Produktion in strategischen Bereichen an risikoärmere Standorte verlagert, um das Risiko von Produktionsausfällen zu reduzieren.

Jordi Sellarés Serra: Kurzfristig ja. Jedoch stehen ausnahmslos alle Staaten vor demselben Problem. Die Koordination durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beim Zugang zu Wissen, Lösungen und statistischen Daten hat sich als nützlich erwiesen, und die Vernetzung von Ärzten, Unternehmen und Regierungen ist für eine Lösung des Problems unerlässlich. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass auf die kurzfristige Rückabwicklung ein anschließender Reboundeffekt folgt, bei dem sich an den Wunsch nach einer Wiederherstellung der Normalität neue Möglichkeiten schließen, die sich im Zuge dieser unvorhergesehenen Extremsituation ergeben haben.

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