„Ich wehre mich gegen zu weitgehende staatliche Eingriffe in wirtschaftliches Handeln.“

Dr. Holger Bingmann ist seit dem Frühjahr neuer Präsident von ICC Germany. Im Interview erklärt er, wie er diese Rolle ausfüllen will, welche Stärken die ICC in seinen Augen hat und warum diese gerade jetzt besonders wichtig sind.
Herr Bingmann, was ist Ihr persönliches Bild von der ICC im Jahr 2020? Wofür steht sie, was macht sie aus?
Der amerikanisch-chinesische Konflikt und die Bereitschaft der eigenen Mitglieder, die Schwächung der wichtigsten Institution des internationalen, regelbasierten Handels, die WTO in Genf, in Kauf zu nehmen, bereitet mir Sorge. Umso wichtiger ist, dass die ICC als internationale Instanz der Wirtschaft einwandfrei funktioniert. Sie ist seit jeher eine anerkannte Befürworterin des globalen Handelssystems und hat sich darüber hinaus um viele weitere wichtige Themenbereiche bemüht. Sie macht schon lange deutlich, dass für sie und die vielen Tausend Unternehmen, die hinter ihr stehen, auch Themen aus dem Bereich Menschenrechte, Nachhaltigkeit oder Korruptionsbekämpfung eine hohe Relevanz haben.

Ich bewundere die ICC dafür, dass sie diese Themen mit einer enormen Konsequenz auf den Tisch bringt. Sie führt uns Unternehmern immer wieder vor Augen, dass wir auch an diese Themen denken müssen. Und sie bietet darüber hinaus extrem hilfreiche Instrumente wie die Incoterms, die Regeln zur Handelsfinanzierung oder Streitbeilegung über den Internationalen Schiedsgerichtshof an. Ohne diese Regeln und Standards wäre eine weltweit einheitliche Gestaltung und Abwicklung internationaler Geschäfte erheblich schwieriger.

Welche Rolle der ICC ist aktuell die wichtigste?
Nicht nur bei der Bekämpfung der Pandemie, sondern auch bei der Wiederbelebung der Weltwirtschaft sind globale Kooperation und Zusammenarbeit wertvoller denn je. Dafür steht die ICC und deshalb haben wir zuletzt im Juli gemeinsam mit der B20 und der WHO bei den G20-Regierungschefs für eine bessere Koordination der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie auf internationaler Ebene geworben. Darüber hinaus fordert die ICC, die notwendigen Beschränkungen aufgrund der Pandemie zu nutzen, um die Digitalisierung des Handels weiter voranzutreiben. Mit dem Internationalen Schiedsgerichthof bietet die ICC den Unternehmen außerdem ein weltweit anerkanntes Instrument zur Beilegung von Streitigkeiten an, die rund um Covid-19 entstanden sind.
Welchen Einfluss wird Covid-19 haben?
Das Virus hat neben den gerade genannten Herausforderungen, zwei entscheidende Effekte. Einerseits zeigt es Defizite dort auf, wo in den vergangenen zehn Jahren aufgrund des guten wirtschaftlichen Wachstums vielleicht Strukturen auch in bestimmten Industriebereichen hätten verändert werden müssen. Diese Defizite werden uns nun sehr deutlich vor Augen geführt und zwingen uns zum Handeln. Gerade für den Bereich der Digitalisierung kann das auch einen positiven Schub auslösen. Der zweite Effekt ist, dass eine unschöne und eher polemisch geführte Diskussion über die Notwendigkeit internationaler Lieferketten losgetreten wurde. Sie hat ihre Grundlage eher in unspezifischen Ängsten und Empfindungen und berücksichtigt nicht, dass die meisten dieser Lieferketten seit Jahrzehnten hervorragend funktionieren. Die Pandemie hat sicherlich Defizite in den Lieferketten aufgezeigt, aber deshalb sollten wir nicht den internationalen Handel insgesamt infrage stellen.

„Ich möchte die ICC als Botschafter eines positiv konnotierten internationalen Handels unterstützen und der ICC das Bild geben, das sie für mich hat: Sie ist die älteste und renommierteste Vertreterin der Wirtschaft weltweit, die sich für eine nachhaltige und inklusive Weiterentwicklung des globalen Handelssystems einsetzt.“

Wie kann die ICC in dieser Diskussion einen Beitrag leisten?
Sie kann immer wieder deutlich machen, dass Handel einen wesentlichen Beitrag zum Frieden und zur Völkerverständigung leistet. Internationaler Handel setzt zunächst einmal voraus, dass Menschen über Grenzen hinweg miteinander reden und Geschäfte machen. Die Gründungsidee der ICC nach dem 1. Weltkrieg war deshalb, dass Völker, die verstärkt miteinander Handel treiben, weniger Kriege führen. Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass die Handelspolitik nicht missbraucht wird, um Partikularinteressen gegen andere Handelsnationen durchzusetzen. Deshalb setzt sich die ICC für eine umfassende Reform der WTO ein. Darüber hinaus leisten wir mit unseren weltweit anerkannten Standards und Regeln einen praktischen Beitrag zum Funktionieren von internationalen Handelsgeschäften, die in ihrer Gesamtheit den globalen Welthandel ausmachen.
Welche Ausrichtung sehen Sie für die Zukunft und was wollen Sie ganz persönlich dazu beitragen?
Ich habe das Amt als Präsident von ICC Germany mit großer Freude angenommen. Schon bei meiner vorherigen Aufgabe als Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel haben mich speziell die Herausforderungen rund um internationalen Handel interessiert. Insbesondere, weil internationaler Handel in den vergangenen Jahren ein Stück weit zum Buhmann wurde. Ich denke, dass gerade jetzt Zeit ist, weltweit nachhaltige Lieferketten aufzubauen und genau dazu kann die ICC mit ihrem globalen Know-how einen Beitrag leisten. Ebenso im Bereich Digitalisierung bei der Entwicklung von globalen Standards, auch bei der Weiterentwicklung von Blockchain-Techniken. Digitale Plattformen sind effizient und wenig fehlerbehaftet – sie funktionieren einfach. Wir brauchen einen positiven Blick auf diese Technologien und sollten diesen Optimismus international ausstrahlen. Das sehe ich als meine Aufgabe an.
Hat die Wirtschaft schon ausreichend Bewusstsein für die Bedeutung der Digitalisierung?
In meinen Augen haben immer noch zu wenig Unternehmen die gewaltige Relevanz digitaler Plattformen für künftige Geschäftsmodelle erkannt. Es ist ganz einfach: wer heute noch Bestellungen per Fax annimmt, muss sich sputen. Das Gleiche gilt auch für die öffentliche Verwaltung: Wir haben immer noch viel zu viele Verwaltungsvorgänge zwischen Staat und Wirtschaft und zwischen Staat und Menschen, die noch manuell und persönlich erfolgen müssen. Da haben wir in Deutschland, aber auch in Europa, erheblichen Nachholbedarf. Hier können wir als ICC positiv motivierend einwirken und müssen es auch tun.
Welche Ziele haben Sie sich für Ihr Amt gesetzt und wie möchten Sie diese erreichen?
Ich möchte den internationalen Handel emotionsfreier, politikfreier und funktioneller gestalten. Ich möchte die ICC als Botschafter eines positiv konnotierten internationalen Handels unterstützen und der ICC das Bild geben, das sie für mich hat: Sie ist die älteste und renommierteste Vertreterin der Wirtschaft weltweit, die sich für eine nachhaltige und inklusive Weiterentwicklung des globalen Handelssystems einsetzt. Gleichzeitig möchte ich den Unternehmen Befürchtungen rund um Digitalisierung nehmen und gegenüber Politik und Gesellschaft deutlich machen, dass Globalisierung etwas Gutes ist – bis hin zu den positiven Effekt, dass wir 1,1 Milliarden Menschen aus der Armut gehoben haben. Ich wehre mich gegen übertriebene staatliche Eingriffe in wirtschaftliches Handeln. Wir sollten nicht denken, dass der Staat der bessere Unternehmer ist und die Richtung der Wirtschaft im Sinne einer Industriepolitik steuern kann. Die Innovationsstärke Deutschlands kommt aus den Unternehmen, die die Aufgabe haben, ihre Unternehmenstätigkeit verantwortungsvoll und zukunftsorientiert zu gestalten.
Holger Bingmann ist seit 2017 im Präsidium des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen e.V. (BGA) und wurde 2018 in das Präsidium von ICC Germany gewählt. Der promovierte Betriebswirtschaftler ist Geschäftsführer der Pressevertrieb München Holding, Gründer der DBU Digital Business University of Applied Sciences und war bis Februar 2020 geschäftsführender Gesellschafter der von ihm mitgegründeten MELO-Gruppe mit rund 2.000 Mitarbeitern mit Schwerpunkten Außenhandel, Logistik und Medien.

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