Drastischer Stresstest für Transport und Logistik

Wie bewältigen Logistiker die Krise, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst wurde? Dr. Steffen Wagner, Global Head of Transport & Leisure bei KPMG, beschreibt, welche Strategien kurzfristig umgesetzt wurden – und was langfristig wichtig ist.
„Diese Krise ist so umfassend – das erlebt die Welt und insbesondere die Wirtschaft zum ersten Mal“, sagt Dr. Steffen Wagner, Global Head of Transport & Leisure bei KPMG. Wie Unternehmen aus Transport und Logistik damit umgehen, fasst er optimistisch zusammen: „Jetzt schauen wir alle, was man daraus lernen kann.“ Covid-19 provozierte im Frühjahr 2020 in vielen Bereichen einen drastischen Nachfrageeinbruch, verbunden mit Zusammenbrüchen der Lieferketten. „Das gab es in der Kombination meines Wissens nach noch nicht“, so Wagner, „es ist keine regional begrenzte Krise, sondern sie hat eine globale Reichweite.“ Er sieht deshalb auch wesentliche Unterschiede zur Finanzkrise von 2008, mit der die Pandemie häufig verglichen wird: „Damals war ein klar begrenzter Sektor betroffen, der in Teilen auf die gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten abgefärbt hat, aber insgesamt nicht so weitreichende Ausmaße zur Folge hatte.“

Viele Instrumente zur Ersthilfe

„Die Prognosen zeigen ziemlich deutlich, dass wir wahrscheinlich noch das gesamte nächste Jahr brauchen, um aus dieser Krise wieder herauszukommen.“
So gut wie alle Endkundenbranchen sind betroffen – bis auf Lebensmittel, medizinische Ausrüstung und E-Commerce. „Aber auch da muss man noch genauer hinschauen“, erklärt der Experte. „Wenn ein Logistiker vor allem Hotels, Restaurants und Kantinen beliefert, dann gab es da im Frühjahr ebenfalls harte Einschnitte. Ich kenne kaum einen größeren Logistiker, der nicht in irgendeiner Sparte betroffen ist.“ Die kurzfristige Reaktion darauf: Man hat unter anderem versucht, Personalkapazitäten in andere Wirtschaftsbereiche zu lenken – bei Lagerlogistik beispielsweise in Richtung E-Commerce; oder in den betroffenen Bereichen wurde Kurzarbeit angemeldet. Zur Liquiditätssicherung wurden Kontokorrentlinien ausgereizt, KfW-Kredite beantragt oder öffentliche Hilfen genutzt. Viele haben auch ihre Subunternehmer unterstützt, damit diese die Krise überleben. „Ich denke, alle größeren Unternehmen haben mindestens eins dieser Instrumente genutzt“, so Wagner.

Hoffnung auf fundamentale Besserung

Diese Phase der kurzfristigen Maßnahmen neigte sich mit dem Spätsommer ihrem Ende zu. „Jetzt schauen alle schon einen Schritt weiter und prüfen die mittelfristigen Aussichten. Dabei hoffen die meisten auf eine fundamentale Besserung der Rahmenbedingungen, sprich, dass die Wirtschaft wieder stark anzieht. Die Prognosen zeigen jedoch deutlich, dass wir wahrscheinlich noch das gesamte nächste Jahr brauchen, um aus dieser Krise wieder herauszukommen.“ Mittelfristig prüfen die Unternehmen dazu durchaus kritisch ihr Kundenportfolio: „Es gibt da den einen oder anderen Logistiker, der starke Konzentrationen in Bezug auf die bedienten Endkundenindustrien hat, beispielsweise im Automobilsektor. Wer sich hier breiter aufstellen kann, gewinnt ein Stück weit mehr Sicherheit.“

Transparenz über Kapazitäten und Preise

„An den Börsenbewertungen kann man ablesen, dass Geschäftsmodelle, die auf digitalen Prozessen und Datenauswertung beruhen, am krisenresistentesten sind.“
Wagner erwartet zudem eine Flexibilisierung des Einsatzes aller Kapazitäten: „Gerade wenn man merkt, dass manche Branchen ganz wegbrechen oder sich einzelne Länder komplett abschotten, sollte man hinterfragen, was das für die eigene Lieferfähigkeit bedeutet: Wie flexibel und spontan kann ich auf sich ändernde Lieferketten reagieren?“ Das setzt eine starke Digitalisierung der operativen Prozesse voraus, weil zahlreiche Logistiker nicht mit eigenen Kapazitäten arbeiten, sondern eher als eine Art Makler fungieren und Transportkapazität einkaufen, bündeln und wiederverkaufen. „Um da flexibel sein zu können, braucht man eine sehr große Transparenz über die verfügbaren Transportkapazitäten und über aktuelle Preise. Das wiederum ist eine Fortsetzung der Bewegung zu Plattformmodellen und digitalen Speditionen, die seit einigen Jahren aufkommen. Ich erwarte, dass darauf noch mehr Fokus gelegt wird und dass Investitionen, sobald sie wieder möglich sind, dorthin gehen. An den Börsenbewertungen kann man im übrigen auch ablesen, dass Geschäftsmodelle, die auf digitalen Prozessen und Datenauswertung beruhen, der Krise am stärksten trotzen können.“

Regionalisierung von Lieferketten

Investitionen in digitale Prozesse und die Transparenz der Lieferkette sind gerade jetzt wichtig – vor allem weil die Deglobalisierung immer kleinteiligere Lieferketten hervorbringt: Es wird zunehmend wieder dort konsumiert, wo auch produziert wird. Etwa in Asien, wo zum Beispiel die japanische Regierung mit dem Programm „Made in Japan“ Produktionskapazitäten ins Land zurückholen will. Der Aufbau von Redundanzen und damit die Regionalisierung von Lieferketten wird laut Wagner „auf jeden Fall ein Trend der nächsten Jahre sein“. Die Logistiker können darauf reagieren, indem sie ihre Transportkapazitäten flexibler managen. Das umfasst mehr Kooperationen, das Teilen von Daten und die Transparenz über verfügbare Kapazitäten. „Aus meiner Sicht wäre es naheliegend, auch von staatlicher Seite auf einen vermehrten Austausch von Daten und Informationen hinzuwirken.“

Digitalisierung als Bestandsaufnahme

„Auch wenn die Investitionsmittel gerade jetzt knapp sind, sollte das Thema Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verloren werden, um
zukunftsfähig zu bleiben.“
Für die Branche bedeutet Covid-19 einen Stresstest, und Wagner ist überzeugt: „Die Unternehmen haben in diesem Jahr erlebt, wie sie mit Schocks in den eigenen Lieferketten umgehen müssen. Sie mussten sich von heute auf morgen fragen, was so ein harter Bruch für die eigenen Kapazitäten in Bezug auf Personal und Transport bedeutet. Für Antworten darauf braucht es Transparenz.“ Da kommt das Stichwort Digitalisierung ins Spiel: als eine Bestandsaufnahme der eigenen Prozesse. „Selbst viele größere Unternehmen haben diese Transparenz zuweilen nur sehr eingeschränkt.“

Auf Schocks vorbereitet sein

Aus der Krise 2020 könne man laut dem Experten jedenfalls lernen, auf solche Schocks vorbereitet zu sein: „Wenn man Szenarien wie einen Lockdown erst einmal als realistisch einschätzt, kann man sich besser darauf einstellen. Hier haben wir in diesem Jahr alle eine Lektion gelernt.“ Gleichzeitig rät er dazu, kritisch den Umsatz der eigenen Endkunden zu prüfen: „Man sollte genauer hinschauen, welche Art von Umsatz es ist, wie nachhaltig er ist und mit welchen Geschäftsmodellen er realisiert wird. Das nehmen sicher viele Unternehmen zum Anlass, ihr eigenes Modell zu hinterfragen.“ Wenn Prozesse geändert oder neu aufgebaut werden, sollte man dabei dringend das Thema Nachhaltigkeit mitberücksichtigen und sich bewusst machen: „Auch wenn die Investitionsmittel gerade jetzt knapp sind, sollte dieser Aspekt nicht aus den Augen verloren werden, um zukunftsfähig zu bleiben.“

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