„Die Incoterms sind ein Must-have für jeden, der Handel betreibt“

Oliver Wieck, Generalsekretär der Internationalen Handelskammer (ICC) Deutschland, erklärt, was die Incoterms® für den Handel leisten und warum Unternehmen der Branche sich noch in diesem Jahr damit beschäftigen sollten.

Welche Bedeutung haben die Incoterms® für den internationalen Handel?

Sie sind global anerkannte Standards, die die Rechte und Pflichten des Verkäufers und des Käufers bei der Lieferung der Ware regeln. Und sie sind deshalb von großer Bedeutung, weil sie den Vertragsparteien die Gestaltung ihrer Verträge deutlich erleichtern: Wenn sie eine Incoterms®-Klausel vereinbaren, müssen sie die einzelnen Lieferbedingungen nicht selbst im Detail abstimmen. Überall dort, wo Waren verschickt werden – sei es über den digitalen oder über den stationären Handel – erleichtern die Incoterms®-Klauseln die Vertragsverhandlungen.

Sind sie demnach ein Must-have oder ein Nice-to-have?

Definitiv ein Must-have – für alle, die in Europa oder weltweit Handel treiben. Incoterms®-Klauseln werden in rund 90 Prozent aller internationalen Handelsgeschäfte aufgenommen. Dies erfolgt nicht automatisch, sondern sie müssen von den Parteien vereinbart werden – die hohe Anwendungsquote zeugt also davon, dass sie sich in der Praxis durchgesetzt haben. Gleichzeitig zeigen unsere Erfahrungen aus den vergangenen Jahren, dass die Möglichkeiten, die die verschiedenen Incoterms®-Klauseln bieten, noch nicht vollständig genutzt werden. Mit der richtigen Klausel können Verträge so abgeschlossen werden, dass Missverständnisse oder vertragliche Lücken erst gar nicht entstehen, sondern genau das vereinbart wird, was auch tatsächlich geleistet werden kann.

Derzeit können die Vertragsparteien aus elf Klauseln auswählen und damit entscheiden, wo die Ware vom Verkäufer hingebracht werden und ab wann der Käufer die Haftung übernehmen soll. Um das ganze Potenzial der Klauseln nutzen zu können, sollten die Mitarbeiter eines Unternehmens die verschiedenen Möglichkeiten, die die Incoterms®-Klauseln bieten, kennen. Das kann der Vertrieb oder auch die Rechtsabteilung sein. Wichtig ist wirklich nur, die verschiedenen Klauseln zu kennen und die jeweils passende zu verwenden.

Was bieten die Incoterms® also den Unternehmen, die sie nutzen?

Einen klaren, verständlichen und transparenten Standard für den Übergang der Preis- und Sachgefahr in internationalen Geschäften. Ich muss nicht mühsam die einzelnen Lieferschritte verhandeln, sondern Käufer und Verkäufer können sich auf eine der elf Klauseln einigen und wissen anschließend genau, was jeder selbst leisten muss und was der Partner leisten muss. Damit kann ich meine Verhandlungszeit deutlich verkürzen, und beide Seiten wissen ganz genau, woran sie sind.

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Als Jurist schätze ich global anerkannte Vertragsklauseln, da sie die Abwicklung internationaler Geschäfte erleichtern.

Wo liegt für Sie persönlich der größte Vorteil der Incoterms®?

Als Jurist schätze ich global anerkannte Vertragsklauseln, da sie die Abwicklung internationaler Geschäfte erleichtern. Die Lieferbedingungen stehen bei den Vertragsverhandlungen eher nicht im Vordergrund; umso hilfreicher ist es dann, wenn ich bei den Verhandlungen auf einen anerkannten Standard zurückgreifen kann. Die Internationale Handelskammer hat für solche Herausforderungen eine ganze Reihe von Instrumenten im Köcher – vom Muster eines internationalen Kaufvertrags über die Incoterms®-Klauseln bis hin zum Muster einer Schiedsklausel zur Streitbeilegung. Wenn man weiß, wie man solche Instrumente richtig nutzt, können sie bei der Gestaltung von Verträgen extrem hilfreich sein.

Wer setzt die Standards der Incoterms® – wie entstehen sie?

Sie werden von der ICC gesetzt, der International Chamber of Commerce. Die Klauseln wurden erstmals 1936 von der Wirtschaft für die Wirtschaft entwickelt und seitdem circa alle zehn Jahre überarbeitet. Dies erfolgt nicht irgendwo im stillen Kämmerlein, sondern unter Einbindung der Erfahrung in den rund 90 nationalen Komitees der ICC. Nur das, was sich in der Praxis tatsächlich bewährt hat oder wegen der Änderung von Gesetzen notwendig ist, wird bei der Überarbeitung berücksichtigt.

 

ICC Germany hat sich in den vergangenen drei Jahren intensiv an der Überarbeitung der bisherigen Incoterms® 2010 beteiligt. Unser deutsches Expertenteam vereint das Know-how aus verschiedenen Perspektiven: Wir haben Käufer, Verkäufer und Lieferanten sowie Kanzleien und Versicherungen zusammengebracht, und ihr Wissen und ihre Erfahrungen sind in die Überarbeitung der Incoterms® eingeflossen. Ein internationales Redaktionsteam in Paris hat die Vorschläge aufgegriffen, diskutiert und erörtert und dann in drei Runden die überarbeiteten Entwürfe mit den nationalen Komitees abgestimmt. Am Schluss wurde im Herbst 2018 ein gemeinsamer Vorschlag für die Incoterms® 2020 verabschiedet.

 

Wir erwarten, dass jetzt im Frühjahr das Executive Board der ICC die Incoterms® 2020 bestätigt. Danach werden wir die englischen Klauseln in die deutsche Sprache übersetzen und in die Produktion der englisch-deutschen Incoterms® 2020 einsteigen. Im Herbst wird dann die englisch-deutsche Version veröffentlicht und vermarktet.

Haben Ihre Mitglieder bei diesem Prozess besondere Vorteile?

Unsere Mitglieder konnten die neuen Incoterms®-Standards mitgestalten und an der Überarbeitung mitwirken. Das war und ist für viele von ihnen natürlich sehr spannend, weil sie damit ihre eigene Best Practice in einen solchen Prozess einfließen lassen können. Gleichzeitig muss man bedenken: ICC Germany ist eines von insgesamt rund 90 nationalen Komitees; nicht alle unsere Vorstellungen wurden vollständig umgesetzt, und wenn sich zwei verschiedene Auffassungen gegenüberstanden, kam es auch zu Mehrheitsentscheidungen, die manchmal nicht ganz unseren Vorstellungen entsprachen. Grundsätzlich hat ICC Germany aber eine gewichtige Stimme, die auch gern gehört wird, weil hinter unseren Eingaben die große und umfassende Kompetenz unserer Mitglieder steht.

Wie viel Raum nehmen die Incoterms® in Ihrer Arbeit als ICC Germany ein?

Sie sind das Standardwerk der ICC und haben vor allem 2019 einen enorm hohen Stellenwert in unserer Arbeit inne. In den kommenden Jahren werden wir uns intensiv damit beschäftigen, Unternehmen die verschiedenen Möglichkeiten der Incoterms® 2020-Klauseln aufzuzeigen. Zusätzlich werden wir Seminare zu den Schnittstellen Zollwert, Handelsfinanzierung oder Liefervertrag anbieten, auf mögliche neuralgische Punkte hinweisen und dadurch dafür sorgen, dass internationale Verträge künftig passgenau gestaltet werden.

Wie kommt das Wissen in die Praxis?

Wir als ICC Germany bieten ab September Seminare mit von uns geschulten Trainern an. Dort können Unternehmen an nur einem Tag alles lernen, was sie brauchen, um ab 1. Januar 2020 gut gerüstet zu sein – denn dann treten die Incoterms® 2020 in Kraft. Als Urheber der Regeln schulen wir unsere Seminarleiter besonders intensiv und genau. Teilweise konnten wir als Seminarleiter diejenigen Experten gewinnen, die selbst am Entstehungsprozess der neuen Incoterms® mitgewirkt haben und deshalb über ein besonderes Know-how verfügen. Diese vertieften Erfahrungen bieten wir den Teilnehmern unserer Seminare gern an.

Die Incoterms® erscheinen im Herbst. Warum ist es wichtig, sich noch in diesem Jahr damit auseinanderzusetzen?

Die neuen Incoterms® treten am 1. Januar 2020 in Kraft, und wir können nur jedem, der in Europa oder international Handel treibt, empfehlen, sich noch in diesem Jahr mit den neuen Incoterms® zu beschäftigen. Unsere eintägigen Schulungen bieten den Incoterms®-Experten die notwendige Aktualisierung ihres Wissensstands. Anderen bieten die Seminare eine gute Gelegenheit, sich mit der Einführung der Incoterms® 2020 und den Lieferbedingungen zu beschäftigen. Dazu gehört auch die Frage, ob die bisherige Unternehmenspraxis künftig so fortgesetzt werden soll. In unseren bisherigen Seminaren haben wir die Erfahrung gemacht, dass einzelne Klauseln gerade in mittelständischen Unternehmen nicht durchgängig bekannt sind. Und auch da wollen wir im Verlauf dieses und der kommenden Jahre eine gewisse Aufklärungsarbeit leisten.

Die Incoterms® sind 2010 zuletzt veröffentlicht worden. Ist eine Erscheinungsweise alle zehn Jahre noch zeitgemäß?

Ich denke, bis 2010 war das ein Rhythmus, mit dem man gut zurechtgekommen ist. Angesichts der Beschleunigungen auch im internationalen Handel könnte es durchaus sinnvoll sein, die Incoterms® künftig häufiger auf ihre Aktualität hin zu überprüfen. Die 2010 eingeführten Erläuterungen zum Umgang mit den einzelnen Klauseln werden meines Erachtens künftig weiter an Bedeutung gewinnen, und es ist sicherlich überlegenswert, hier einen schnelleren Rhythmus als zehn Jahre einzuführen. Im Übrigen beschreiben die Incoterms®-Klauseln einen Vorgang, der sich auch mit dem digitalen Handel nicht komplett ändern wird: Es wird immer Käufer und Verkäufer geben; es werden weiterhin Waren von A nach B geschickt, und dazu kann man verschiedene Transportmittel nutzen. Aber der Teufel steckt halt auch hier im Detail, und es gibt viele Kleinigkeiten, die klar und transparent geregelt werden müssen, um Missverständnisse zu vermeiden.

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